An vielen Festenwie z.B. Kirmes oder Ostern erklingt das feierliche Geläut des Glockenbeierns. In diesem Artikel möchten wir nun einmal die Gelegenheit nutzen, Ihnen die lange Tradition des Glockenbeierns in unserer Gemeinde näher zu bringen.
In früheren Zeiten wurden Kirchenglocken als eine Art Medium zur Masseninformation genutzt. Sie warnten u. a. vor Feuer, Krieg, Unwetter und informierten die Menschen über die Tageszeit. Daraus entwickelte sich auch diese Art des Glockenspieles, sowohl in katholischen als auch evangelischen Gemeinden.
Das Glockenbeiern stammt ursprünglich aus dem niederländisch-flämischen Kulturkreis, wie ja überhaupt dort das traditionelle Glockenspiel seine Heimat hat. Von dort aus breitete es sich nach Nord-, Nordost- und Mitteldeutschland in einem breiten Gürtel bis nach Ostpreußen, Nordfranken und sogar bis nach Skandinavien aus. Die handelsmäßige und kulturelle enge Verbindung des niederländisch-flämischen Kulturkreises mit dem Rheinland brachte diese besondere Art des Glockenspieles auch in unsere Gegend.
Die größte Verbreitung des Beierns in unserer Region ist seit dem 17ten Jahrhundert nachweisbar. Dabei wurde sowohl zu kirchlichen wie auch zu politischen oder gesellschaftlichen Anlässen gebeiert. Schon im Lagerbuch des Pfarrers Monten aus dem Jahre 1734 ist vom „Beiern“ und den „Bemschlägern“ die Rede. Pfarrer Monten berichtete zu Fronleichnam u. a.:
„do gibt die Kirch in festo corporis Christi jedem hauß ein pint Wein, einen Weck, ahm welchem tag die Kirchenbedienten- und himmelträger, wie net weniger die Bemschläger, schützen und sängerschen auch mit einen trunk Wein und Weck versehen werden.“
Somit kann St. Lambertus auf eine jahrhundertelange Beiertradition zurückblicken!
Gebeiert wurde in dieser Zeit noch in der alten Pfarrkirche, welche in der Übergangszeit vom romanischen in den gotischen Stil erbaut worden war. Im Jahre 1730 wurden drei Glocken für die alte Pfarrkirche angeschafft. Auch in Alfter und Gielsdorf entwickelte sich dieser Brauch, der aber dort seit ca. 1960 bzw. 1958 nicht mehr aktiv gepflegt wird. Noch weit verbreitet ist diese Tradition im Vorgebirge sowie in einigen Stadtteilen von Bonn und in der Eifel.
Über die Jahrhunderte unterbrachen immer wieder diverse Pausen das Glockenbeiern in Witterschlick. Die längste Pause ist in den Wirren des 2. Weltkrieges zu verzeichnen, als die Witterschlicker Kirchturmglocken zur Einschmelzung für militärische Zwecke requiriert wurden. Erst im Jahre 1952 beendete die Anschaffung neuer Glocken und die Ausbildung neuer Beiermänner/Beierbrüder diese lange Pause.
Zur Herkunft des nun so oft verwendeten Wortes „beiern“ gibt es mehrere Theorien. Eine besagt, dass es vom Altfranzösischen „baier“ abstammt, was soviel wie „bellen“ bedeutet. Von der Wanderung über das Flämisch-niederländische, wo es „beiaert“ heißt, gelangte es bis ins Rheinland. In der deutschen Jägersprache heißt z. B. Geläut „das Anschlagen mehrerer Hunde, wenn sie auf der Fährte des Wildes hetzen.“ Ein Zusammenhang zwischen „bellen“ und „läuten“ ist somit gegeben. Das rheinische Wörterbuch erklärt „beiern“ u. a.: viel von einer Sache reden, sie preisen, den Nasenschleim hochziehen, in eintöniger Weise reden. Ein Zusammenhang mit dem immer wiederkehrenden Rhythmus des Glockenbeierns ist auch hier nicht zu leugnen.
Nun wenden wir uns einmal der Technik des Glockenbeierns zu. Beim Beiern werden die Glocken nicht schwingend geläutet (normales Geläut). Die Rhythmik der Tonfolge ist also nicht von den Pendelbewegungen der unterschiedlich schweren Glocken bestimmt. Zuerst werden die Schwungräder mit Balken blockiert, womit die Glocken etwas schräg gestellt werden. Die Klöppel werden mit Seilen bis kurz vor den Schlagring (2 bis 3 cm) herangezogen und mit dem gegenüberliegenden Gebälk verbunden. Zum Klingen gebracht werden die Glocken nun, indem der Beiermann kräftig auf die Seile schlägt/drückt. Das Geläut in der Pfarrkirche Witterschlick besteht aus fünf Glocken, wobei aber nur mit drei Glocken gebeiert werden kann, die von zwei Beiermännern bedient werden: Glocke 2 (Herz-Jesu, Durchmesser 1360 mm) auch als Totenglocke bekannt, Glocke 4 (1060 mm) und Glocke 3 (St. Lambertus, 1190 mm). Unsachgemäßes Beiern führte in den letzten Jahrhunderten in vielen Gemeinden zu verunglückten/zersprungenen Glocken. Sogar Beierverbote wurden seitens der Kirche und der Verwaltung damals ausgesprochen. Moderne Legierungen stoppten diese unschöne Entwicklung.
Das heutige Team der Witterschlicker Beierbrüder besteht aus Dieter Schneider (seit 1979) sowie Engelbert (seit 1992) und Christoph Winand (seit 1997). Ihre Vorgänger waren Rolf Hilger, Willy Schlömer, W. Schumann und H. Gummersbach, der in Witterschlick allgemein als „de ahle Hahn“ bekannt war. Hervorzuheben ist die Leistung von Hans Heiliger, der sich von 1952 bis in die 90er Jahre dieser Tradition mit Herz und Seele widmete. Er gab auch Gastspiele in Volmershoven, Oedekoven, Impekoven, Adendorf und Neuenkirchen in der Sürst. Vor dem Krieg hatte sich bis zu seinem Tod im Jahre 1935 H. Wesseling dem Brauch gewidmet. Weitere Beierbrüder vor 1935 sind uns namentlich leider nicht mehr bekannt.
Gebeiert wird in Witterschlick am Vorabend zu kirchlichen Feiertagen und am Morgen des Feiertages selbst – jeweils für eine halbe Stunde:
Ostern, Weißer Sonntag, Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Patronatsfeste/Kirmes
Das Beiern setzt sich insgesamt aus drei unterschiedlichen abgeschlossenen Melodien zusammen. Es beginnt mit „de Bämm“, dann folgt „de Zwei“, im Anschluss „de Drei“ und abschließend wird am Ende „de Bämm“ nochmals wiederholt. Jede Melodie für sich dauert ca. 10 Minuten, gefolgt von einer jeweils ca. fünfminütigen Pause. Vor dem Krieg wurden zusätzlich die Rhythmen „et Wälzche“, „de Doll“ und „de Volemeschhovvener“ geschlagen. Diese letzten genannten Rhythmen sind uns leider abhanden gekommen. Für Hinweise zu diesen wären wir sehr dankbar.
Aus einer Publikation von Pfarrer Kronenbürger aus dem Jahre 1975 ist noch ein alter Beierspruch bekannt. Beiersprüche sind im Rheinland weit verbreitet und neckten meist Nachbarorte, Pfarrer, Küster etc. Unser Spruch kann auf den Rhythmus „de Bämm“ angewandt werden und ist auch ein als Volkstanz beliebter Vers.
„ninge – ninge – ning,
ming Frau ös krank,
ninge – ninge – ning,
wat fählt ihr dann,
ninge – ninge – ning,
e Schöpche Wing,
ninge – ninge – ning,
e Klömpche drinn….“
Gerade an die älteren Witterschlicker und Volmershovener wendet sich unsere Bitte, dass, falls noch nicht genannte Fakten über das Glockenbeiern (z. B. die drei fehlenden Rhythmen, alte Beiermänner, Sprüche, Fotos etc.) bekannt sind, dies an uns heranzutragen, damit wichtige Informationen über diesen Brauch nicht verloren gehen.
Nun laden wir Sie herzlich ein, am Morgen des Ostersonntages einfach einmal genauer hinzuhören, wenn wieder „de Bämm“ erklingt und wünschen Ihnen allen Frohe Ostern.
Bilder vom Glockenbeiern können Sie hier sehen.
Quellen:
- J. Kronenbürger, Publikation „Kirchweih Kirmes Witterschlick“, 1975
- Generalanzeiger „Klang der Glocken“, 1980
- Dr. Bursch „Vom Beiern u. Bammschlagen in Bonn und Umgebung“, 1985/88
- Dr. Döring „Glockenbeiern im Rheinland“, 1988
- P. Esser „Chronik von Witterschlick“, 1903
- W. Könenberg, Publikation „Der Kirchturm der Pfarrkirche St. Lambertus“
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 02. August 2010 um 23:32 Uhr
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